Der Sustenpass, der Steingletscher und eine unerwartete Geschichte

Eigentlich sollte die Reise quer durch Deutschland führen. Doch die sommerliche Hitzewelle machte diesen Plan schnell zunichte. Stattdessen ging es kurzfristig in die Schweizer Alpen – auf den Sustenpass und zum Steingletscher. Dort fand ich nicht nur angenehme Temperaturen, sondern ganz nebenbei auch einen Ort mit einer bewegenden Geschichte.
Am Sustenpass

Planänderung wegen der Hitze

Geplant war das Ganze eigentlich anders. Nach den Pfingstferien wollte ich endlich wieder auf Tour gehen – kreuz und quer durch Deutschland. Losgehen sollte es auf der Schwäbischen Alb, anschließend Stück für Stück weiter Richtung Norden, ganz ohne festen Reiseplan.
Doch die aktuellen Temperaturen machen nicht wirklich Lust auf eine Reise im aufgeheizten Camper. Selbst zu Hause gelingt es kaum noch, die Hitze auf ein erträgliches Maß zu begrenzen. Also muss ein neuer Plan her.
Ein Blick auf die Wettervorhersage bringt die Lösung: In der höheren Schweizer Bergwelt werden selbst tagsüber Temperaturen um oder sogar unter 20 Grad angekündigt. Der Sustenpass kam mir sofort in den Sinn. Schon seit einigen Jahren wollte ich ihn wieder besuchen, doch bei meinen letzten Touren durch die Schweizer Alpen war er jedes Mal noch wegen der Wintersperre geschlossen. Nun war die Passstraße endlich geöffnet – das Ziel stand fest.
Passhöhe Sustenpass

Ankunft auf dem Sustenpas

Rund drei Stunden nach der Abfahrt erreiche ich die Passhöhe des Sustenpasses. Die Sonne scheint, ein angenehm kühler Wind weht über den Pass und die Temperaturen fühlen sich nach den heißen Tagen fast schon erfrischend an.
Allerdings bin ich mit meiner Idee offensichtlich nicht allein. Obwohl weder Ferienzeit noch Wochenende ist, herrscht erstaunlich viel Betrieb. Offenbar sind viele auf der Suche nach etwas Abkühlung.
Während ich den Blick über die Berglandschaft schweifen lasse, erinnere ich mich an ein Foto, das ich vor einigen Jahren von hier aufgenommen habe. Es zeigt das Tal unterhalb des Steingletschers und hängt seitdem bei mir im Wohnzimmer. Genau dorthin führt eine kleine Mautstraße – und dort darf man sogar übernachten.
Perfekter Stellplatz

Ein perfekter Stellplatz

Am Kassenautomaten kostet die Zufahrt mit Parken 5 Schweizer Franken, für die Übernachtung werden 20 Franken fällig. Ich entscheide mich direkt für den Übernachtungstarif und fahre die schmale Bergstraße hinauf.
Die ersten Parkplätze sind bereits gut gefüllt. Doch ein Stück weiter oben finde ich genau den Platz, den ich gesucht habe. Schon am Nachmittag liegt er im Schatten und vom Steingletscher zieht ein angenehm kühler Wind herüber. Es ist sogar noch etwas frischer als auf der Passhöhe – und deutlich ruhiger.
Genau so hatte ich mir die Flucht vor der Hitzewelle vorgestellt. Ein perfekter Ort, um einfach einmal durchzuatmen.
Blick aus der Schiebetür

Ein ruhiger Nachmittag

Viel passiert an diesem Nachmittag nicht mehr. Ich experimentiere mit einigen Zeitrafferaufnahmen, genieße die Aussicht und lasse die Seele baumeln. Zwischendurch döse ich einfach ein wenig vor mich hin. Mehr braucht es manchmal gar nicht.
Unglücksort am Susten

Eine überraschende Entdeckung

Erst später, als ich nach historischen Bildern des Steingletschers suche, stoße ich eher zufällig auf Informationen, mit denen ich an diesem friedlichen Ort überhaupt nicht gerechnet hätte.
Genau dort, wo heute Camper übernachten und Wanderer ihre Pause einlegen, ereignete sich am 2. November 1992 eines der schwersten Explosionsunglücke der jüngeren Schweizer Geschichte. In der unterirdischen Munitionsvernichtungsanlage beim Steingletscher kam es zu einer gewaltigen Explosion. Sechs Menschen verloren dabei ihr Leben, mehrere von ihnen konnten aufgrund der enormen Zerstörung nie geborgen werden. Die Detonation löste einen gewaltigen Felssturz aus und verwüstete das Gelände nachhaltig. Bis heute konnte die genaue Ursache des Unglücks nicht abschließend geklärt werden.
Umso erstaunlicher finde ich, dass direkt an meinem Stellplatz nichts auf diese Geschichte hinweist. Hätte ich später nicht zufällig darüber gelesen, wäre ich vermutlich wieder nach Hause gefahren, ohne jemals zu erfahren, welche Vergangenheit dieser Ort hat.
Am Ende des Tals

Der Morgen am Steingletscher

Am nächsten Morgen lasse ich den Tag ganz entspannt beginnen. Anschließend geht es die letzten Meter bis ans Ende des Tals. Der Steingletscher ist nun nicht mehr weit entfernt und selbst einige Schneefelder haben den Sommer bislang überstanden.
Der Wind hat inzwischen nachgelassen, wodurch es etwas wärmer wirkt als am Vortag. Dennoch bleiben die Temperaturen angenehm – genau der richtige Ort, um der Hitzewelle im Tal für eine Weile zu entkommen.
Für mich war die spontane Planänderung jedenfalls genau die richtige Entscheidung. Statt stickiger Nächte im Camper gab es kühle Bergluft, einen traumhaften Stellplatz und ganz nebenbei eine Geschichte, die ich an diesem Ort niemals erwartet hätte.
Veröffentlicht: 26.06.2026
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